Demonstranten fordern Gerechtigkeit

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Der Tod eines Demonstranten löst erneut Proteste in der Türkei aus. Es scheint der Beginn eines unruhigen Herbstes.

Das Gas ist wieder da, es brennt in der Lunge, in den Augen, reizt die Nase. Es wabert in der Luft in den Seitenstraßen der Einkaufsstraße Istiklal in Istanbul. Ertruğul zieht sein Halstuch über den Mund. Er hat sich nicht getraut eine Gasmaske mitzunehmen, aus Angst auf dem Weg zur Demonstration verhaftet zu werden. In mehreren Städten in der Türkei gingen am Dienstagabend wieder Tausende auf die Straße.

In Istanbul war die Polizei schnell: Der Taksim-Platz ist abgesperrt, der Gezi-Park sowieso. Die Regierung weiß um die Dynamik, die die Menge entwickelt, sobald sie auf den Platz strömt. Es dauert nicht lange und die Polizei schießt mit  Tränengas, Wasserwerfern und Plastikkugeln auf die Menge vor dem Platz. Hunderte flüchten in die Seitenstraßen.  “Die Regierung wird Rechenschaft ablegen müssen” , schreien die Demonstranten in die Gasschwaden hinein – dort, wo sie irgendwo die Polizei vermuten. Es klingt trotzig.

Für Ertruğul ist es das erste Mal seit Ende Juli, dass er wieder demonstriert. Und das hat einen Grund: In der Nacht auf Dienstag ist der 22-jähriger Ahmet Atakan auf einer Demonstration in der Stadt Antakya gestorben, die Todesumstände sind unklar. Die Demonstranten glauben, dass er von einer Gaskartusche am Kopf getroffen wurde. Das zumindest wollen Augenzeugen gesehen haben. Die Polizei wiederum sagt, er sei von einem Dach gefallen. Der Autopsiebericht weist laut der türkischen Zeitung Hürriyet darauf hin, dass er von einem Gegenstand am Kopf getroffen wurde.

Unverhältnismäßige Polizeigewalt

Woran auch immer Ahmet Atakan gestorben ist, dass die Polizei unverhältnismäßig Gewalt einsetzt, ist das was Ertruğul am meisten aufregt. Fünf Demonstranten und ein Polizist sind inzwischen bei den Protesten gestorben. In Istanbul liegt noch immer ein 14-Jähriger im Koma, weil er von einer Kartusche am Kopf getroffen wurde. Die Polizei schießt immer wieder mit geringem Abstand Gas auf Menschen. Ob sie bewusst auf den Kopf zielen oder überhaupt nicht zielen, lässt sich schwer sagen.

Ertruğul zuckt bei jedem Geräusch zusammen, sein Blick wandert unruhig über die Menschen während er spricht. Er ist 28, Programmierer und von Anfang an bei den Protesten dabei. Was er von der Regierung erwartet? „Es geht nicht darum, dass Erdoğan zurücktritt“, sagt er. Dann hält er  inne und grinst, „Naja das wäre schon das beste, aber es ist eher ein Traum.“ Wieder ernst sagt er: „Wir wollen, dass diejenigen zur Rechenschaft gezogen werden, die für die Toten und Verletzten verantwortlich sind, das ist das, was ich von meiner Regierung erwarte.“ Gerechtigkeit, das sei  schon ein Anfang, murmelt er und guckt dabei nachdenklich vor sich hin.

Neue Proteste in Ankara

Jetzt nach dem Sommer werden die Demonstrationen weitergehen, glaubt Ertruğul. Gegen die Regierung, aber auch gegen Bauprojekte, ähnlich wie die im Gezi-Park. Seit dem Wochenende etwa protestieren in der Hauptstadt Ankara Studenten, weil Polizisten ein Protestcamp auf einem Gelände der „Technischen Universität des Nahen Ostens“ (ODTÜ) auflösten. Die Studenten wollen dort den Bau einer Schnellstraße durch ein Wäldchen auf dem Campus verhindern. Auf einer Solidaritätsdemo in Antakya ist Ahmet Atakan gestorben.

Ertruğul zuckt erneut zusammen. Es knallt: „patt, patt, patt!“ Was nach Paintball klingt sind gefährliche Plastikgeschosse. Die Polizei stürmt in die Gasse hinein und schießt auf alles was sich bewegt. Die Menschen laufen panisch auseinander. Ertruğul hält die Hände schützend über seinen Kopf und flüchtet in einen Hauseingang. „Kommt rein“, schreit ein Mann und hält die Tür auf. Die Polizei biegt um die Ecke. Ertruğul stolpert mit den anderen die Treppe hinauf in eine Bar und betritt eine andere Welt: Raki und Käse stehen auf dem Tisch, leise Musik dudelt. Ein paar Männer sitzen herum und schauen auf eine Leinwand. Das WM-Qualifikationsspiel Türkei gegen Rumänien  wird übertragen.

Der Kellner stellt Teegläser auf den Tisch. „Trinkt und schaut Fußball“, flüstert er. Ertruğul lugt durch den Vorhang. Etwa 50 Polizisten stehen auf der Straße und schauen sich um, auf der Suche nach Demonstranten. Auf der Leinwand knubbeln sich die türkischen Nationalspieler auf einem Haufen: 1: 0 für die Türkei. Den Demonstranten ringt das nur ein müdes Lächeln ab.

Veröffentlicht am 11. September 2013 auf vorwärts.de.

Ahmet Akan starb im September 2014 in Antakya bei einer Demonstration. Foto: Name Atakans auf einer Fähre in Istanbul © Mirjam Schmitt

Last modified: 20/02/2018