Über die Ägäis ins Allgäu

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Wie eine syrische Flüchlingfamilie versucht, übers Ägäische Meer zu ihrem Sohn ins Allgäu zu kommen.

August, 2015
Amer hat Angst, dass seine Familie es nicht schafft. Die Gedanken rasen durch seinen Kopf: „Das Boot könnte kaputt gehen, das ist erst letzte Woche bei anderen syrischen Flüchtlingen passiert“, sagt er. „Oder was ist, wenn die Schleuser nicht richtig fahren können? Das sind doch alles Mafiosi, die wollen nur Geld machen – Arschlöcher“, sagt er mit leicht bayrischem Akzent.

„Ich weiß nicht, was ich machen soll. Meine Eltern und meine Schwestern wollen auf keinen Fall in der Türkei bleiben“, sagt Amer. Er schaut besorgt um sich. „Die Türken mögen die Syrer nicht. Es gibt immer mehr Probleme.“

Amer, drahtig mit Dreitagebart und Sonnenbrille im Haar, sitzt auf einer Mauer am Busbahnhof im türkischen Urlaubsort Bodrum. Touristen mit Rollkoffern steigen aus Bussen. Auf dem Boden hocken etwa Hundert Flüchtlinge, bepackt mit schwarzen Müllsäcken, in denen sie Kleidung und Essen verstaut haben. Sie warten auf Schleuser. Ihr Ziel: Die griechische Insel Kos, die nur wenige Kilometer vor der türkischen Küste liegt.

Der etwas andere Urlaub

Amer kommt aus dem ostsyrischen Dair as-Saur. Die Stadt ist inzwischen unter der Kontrolle der Terrormiliz IS. Amer ist vor vier Jahren geflohen, damals war er 21. Aus der Türkei reiste er weiter über Bulgarien und Mazedonien nach Deutschland. Zwei Monate war er zu Fuß unterwegs, erzählt er. Nun wohnt er im Allgäu, spricht fließend Deutsch und arbeitet in einer Bar. Sein Bruder ist Arzt in Kempten.

Seinen Sommerurlaub nutzt Amer, um Eltern und Schwestern zu sehen. „Es macht mich traurig, dass Europa sich nicht auf eine gemeinsame Lösung einigt und mehr Menschen aufnimmt“, sagt er. Seine Familie wandere in Bodrum von einer Ecke zur anderen, immer auf der Hut vor der Polizei. „Wie Mäuse“, sagt Amers Schwester Fatma, als er sie endlich findet.

Zwei Jahre war Fatma mit ihrer 16-jährigen Schwester und den Eltern im Flüchtlingslager im südtürkischen Urfa. „Es war ok, nur im Sommer ist es sehr heiß in den Zelten“, sagt Fatma. Sie ist im Lager zur Schule gegangen und spricht gut Türkisch. Jetzt ist sie 19 Jahre alt und bekommt keinen Unterricht mehr. „Ich habe nichts mehr zu tun und sitze den ganzen Tag nur herum“, sagt sie. „Dabei würde ich gerne Wirtschaft studieren.“

Härter als im Lager

Immer mehr Flüchtlinge wollen die Überfahrt nach Kos wagen. Auf der Landroute wimmele es von Polizei, sagen sie. Da bleibe als Weg nach Europa nur das Meer. Sie wissen um die schlechte Situation in Griechenland. Doch die meisten wollen ohnehin weiter nach Deutschland, England oder Schweden. Etwa 1300 Euro müssten sie für die Schleuser zahlen, erzählen sie.

Die meisten Flüchtlinge in Bodrum sind Syrer, einige stammen aus Afghanistan, Irak und afrikanischen Ländern. Wie viele es genau sind, können die türkischen Behörden nicht sagen. Auf den griechischen Ägäisinseln wurden nach griechischen Angaben von Anfang der Woche binnen drei Tagen 1728 Migranten aufgegriffen.

In der gesamten Türkei leben nach Angaben der Katastrophenschutzbehörde Afad rund 1,8 Millionen syrische Flüchtlinge. Die türkische Regierung ließ 25 Lager errichten. Doch die meisten Flüchtlinge leben außerhalb der Camps. Wer nicht in die Lager wolle, müsse sich selbst versorgen, sagt Recep Batu, Direktor der Migrationsbehörde der Provinz Mugla. Das gelte auch für die Flüchtlinge in Bodrum.

Präsenz unerwünscht

Vor allem junge Männer wollen nach Griechenland, aber auch einige Frauen mit Kindern sind dabei. Die Anwohner sehen das nicht gerne. „Ich will nicht, dass die Flüchtlinge hier auf der Straße leben. Das kann man ja nicht mit ansehen. Der Staat muss sich um sie kümmern“, sagt Mahir Nehir, der in einem Hotel arbeitet. Er sei dagegen, dass die Flüchtlinge überhaupt nach Bodrum kommen. „Wir leben hier vom Tourismus. Früher oder später werden sich die Touristen unsicher fühlen und nicht mehr kommen.“

Einige Syrer wiederum fühlen sich in der Türkei zunehmend diskriminiert. Der 33-jährige Hassan etwa sagt: „Wenn wir überhaupt Arbeit finden, behandeln sie uns wie Hunde.“ In der Türkei bleiben will er nicht. „Entweder schaffe ich es nach Europa – oder ich sterbe im Meer.“

In der Nacht schläft Amer mit seiner Familie auf der Straße. Am nächsten Mittag ruft er an. Er klingt aufgeregt und spricht abgehackt. „Meine Familie ist in Griechenland. Übers Meer. Plötzlich ging alles ganz schnell. Ich bin so glücklich.“

Foto: Orlok / Shutterstock.com

Veröffentlicht durch die Deutsche Presse Agentur, dpa. Abrufbar unter anderem: Luxemburger Wort

22. August 2015
dpa

Last modified: 28/02/2018