Dann lieber zurück

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Über eine Million syrische Flüchtlinge hat die Türkei seit 2011 aufgenommen. Die Regierung wirkt überfordert.      Die einheimische Bevölkerung auch.

Nahed sitzt auf einem Kissen an die kahle Hauswand gelehnt. Sie rückt ihr Kopftuch zurecht, zündet sich eine Zigarette an und streicht über ihren dicken Bauch. Bald wird das Baby kommen. Als sie den irritierten Blick bemerkt, lacht sie. „Rauchen ist das kleinere Problem. In Syrien, da wäre ich jetzt vielleicht schon tot, und mit mir das Kind.“ Wird es in Istanbul geboren, dann weit weg vom Bürgerkrieg und vom Haus der Eltern bei Homs, zerstört schon vor Monaten.

Der Raum, den Nahed jetzt „mein Wohnzimmer“ nennt, ist etwa zwölf Quadratmeter groß und liegt im Erdgeschoss eines halb verfallenen Hauses im Istanbuler Viertel Fatih. Im Flur tropft Wasser aus einer kaputten Leitung von der Decke. Vor acht Monaten ist Nahed mit ihrer Familie aus Syrien geflohen – mit ihrem Mann Dschihad, dem zweijährigen Sohn, ihren Schwiegereltern Ali und Fatima und deren Kindern. Eine Großfamilie – 20 Menschen auf zwei Häuser verteilt, die bald abgerissen werden. Die Familie hat den Boden mit Teppichen ausgelegt und an die Wände weiße Tücher mit Spitzen gehangen. Sie verdecken die Wasserflecken und den Schimmel. Ein Sittich zwitschert in einem Käfig am Fenster. Miete muss die Familie nicht zahlen, das Haus wird von der Stadt verwaltet. Wie lange sie bleiben können, wissen sie  nicht.

Die meisten Flüchtlinge leben außerhalb der Lager

Seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs im Frühjahr 2011 nimmt die Türkei Hilfesuchende aus dem Nachbarland auf.  Inzwischen leben hier laut UNHCR rund 800.000 registrierte syrische Flüchtlinge – davon nur rund 220.000 in Lagern. Mit den Nichtregistrierten dürften es deutlich mehr sein. Der ehemalige stellvertretende Ministerpräsident Beşir Atalay spricht von geschätzten 1,3 Millionen, die vor allem in den Grenzprovinzen zu Syrien und in den großen türkischen Städten wie Istanbul, Ankara und Izmir leben. Wer es sich leisten kann, mietet eine Wohnung. Das treibt die Mietpreise nach oben, die sich in den betroffenen Städten seit 2011 teils verdreifacht haben.

22 Camps ließ die Regierung im Süden des Landes aufbauen – Zelt- und Containerstädte, die international für ihre Standards gelobt werden.  Mehr als 2,5 Milliarden Dollar hat die türkische Regierung nach eigenen Angaben seit Beginn des Krieges für die Flüchtlinge ausgegeben. Ein langfristiges Konzept fehlt jedoch. Der  Aufenthaltsstatus der Flüchtlinge ist diffus, sie stehen unter „temporärem Schutz“. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International kritisieren, dass die Behörden nicht sagen, was das genau bedeutet. Die Registrierung der Flüchtlinge soll verbessert werden, doch Kinder, die außerhalb der Camps geboren werden, wie das von Nahed, werden meist überhaupt nicht registriert – sie, existieren also offiziell nicht.

Oft geht die Übersicht verloren, wo sich Flüchtlinge genau aufhalten. Die Mittellosen – wie Naheds Familie – leben auf der Straße oder in leerstehenden Häusern, sind vom Wohlgefallen der Nachbarn abhängig oder betteln. Naheds Ehemann Dschihad hilft manchmal in einem Restaurant, illegal, denn eine Arbeitserlaubnis hat er nicht. Dschihad und Nahed sind dennoch meistens fröhlich. Dschihad wirkt bisweilen verträumt, Nahed lächelt fast immer – manchmal schelmisch, manchmal schüchtern. Von ihrer Flucht erzählt sie nicht gerne, das überlässt sie lieber ihrer Schwiegermutter Fatima.

Lieber gehe ich zurück nach Syrien.“
Naheds Familie stammt aus der Nähe von Homs und hat eine Odyssee durch Syrien hinter sich, so erzählt es Fatima. Schließlich landeten sie im Flüchtlingslager in Şanlıurfa im Südosten der Türkei.  Fragt man Fatima, warum sie nicht im Lager geblieben sind, hebt sie erregt die Hände. „Dort sind die Spannungen zu groß“, sagt sie.  „Zu viele Ethnien und Konfessionen, zu viel durcheinander.“ Sie selbst sind Kurden, in Syrien arbeitete die ganze Familie auf dem Feld. Fatima will sich nicht beschweren. „Wir sind froh, dass wir ein Dach über dem Kopf haben“, sagt sie. „Wir holen Wasser von der Moschee, viele Türken bringen uns Essen. Die Kinder verkaufen Taschentücher auf der Straße.“ Genau das will Hüseyin Avni Mutlu, der Gouverneur von Istanbul, nicht mehr sehen und kündigte an, Syrer notfalls gegen ihren Willen in Lager zu schicken. Fatima schüttelt energisch den Kopf. „Lieber gehe ich zurück nach Syrien.“
Das Viertel, in dem die Familie untergekommen ist, ist Teil eines „Stadterneuerungsprojekts“. Manche Gebäude hat die Stadt renoviert, viele abgerissen. Die Türken, die hier gelebt haben, mussten ihre Häuser häufig gegen ihren Willen aufgeben. Nun bieten sie Flüchtlingen vorübergehend Obdach. Die Luft ist staubig, manche Gebäude stehen nur noch halb, die Wände wie mit einem Messer abgetrennt. Ein Bauzaun sperrt das Gelände notdürftig ab, ein Schild warnt vor dem Zutritt. Kinder spielen dennoch in der Ruinenlandschaft. In die Schule gehen diese Kinder nicht. Insgesamt 73 Prozent der Flüchtlingskinder in der Türkei, die außerhalb der Camps leben, erhalten keinen Unterricht, schätzt das UN-Kinderhilfswerk Unicef.

Die Akzeptanz schwindet
Bisher waren viele Türken großzügig und gastfreundlich. Verwandtschaftliche Beziehungen bestehen zum Teil über die Grenze hinweg. Doch steigende Mietpreise und die Angst, dass sich Dschihadisten unter die Flüchtlinge mischen, sind nur zwei von vielen Gründen, warum die Akzeptanz schwindet. Nachdem Mitte August ein Syrer seinen türkischen Vermieter in der Stadt Gaziantep ermordete, machte dort ein Mob Jagd auf Flüchtlinge in der Stadt.  Demonstranten stachen mit Messern auf Syrer ein und zerstörten Autos mit syrischen Nummernschildern. Wenig später verbreitete sich das Gerücht, Syrer hätten das Trinkwasser der Stadt vergiftet. Panik brach aus. Die AKP-Bürgermeisterin von Gaziantep, Fatma Şahin, dementierte die Gerüchte umgehend und bezeichnete sie als „haltlose und bösartige Anschuldigen“, die dazu dienten Unruhe zu stiften.
Der ehemalige Ministerpräsident und neu gewählte türkische Präsident, Recep Tayyip Erdoğan, hat bislang eine „Politik der offenen Tür“ betrieben. Er sagte noch im Präsidentschaftswahlkampf: „Niemand, der um sein Leben fürchten muss, wird zurückgeschickt.“ Die Flüchtlinge lieben ihn dafür. So wie Fatima und Nahed. „Erdoğan hat uns gerettet. Schreiben sie bloß nichts schlechtes über ihn.“ Die Familie hatte Glück, alle verfügten auf der Flucht über gültige Pässe und konnten daher einen offiziellen Grenzübergang nehmen.

Doch viele kommen ohne Pass. Am Anfang des Krieges winkten die Grenzsoldaten Flüchtlinge dennoch durch, sagt Andrew Gardner, Türkei Experte von Amnesty International. Inzwischen müssten Flüchtlinge ohne Papiere oft auf illegalen Wegen mit Schmugglern in die Türkei reisen. Das sei gefährlich, es müssten verminte Grenzregionen durchquert werden. Laut Gardner berichten Flüchtlinge außerdem von Misshandlungen durch Grenzsoldaten. „Flüchtlinge sagen uns, dass sie von türkischen Soldaten geschlagen und zurück nach Syrien geschickt wurden. Auf einige wurde geschossen“, so Gardner.

Mehr Solidarität von Europa

Über drei Millionen Syrer sind inzwischen vor dem Krieg außer Landes geflohen. Ihre Situation wird nicht nur in der Türkei immer schwieriger. Auch die anderen Nachbarländer – Libanon, Irak und Jordanien – fühlen sich zunehmend überfordert. UN-Flüchtlingskommissar António Guterres kritisiert: „Bis jetzt schafft es die Welt nicht, angemessen auf Nöte der Flüchtlinge und der Aufnahmeländer zur reagieren.“ Das Zentrum für Flüchtlingsstudien von der Universität Oxford stellt fest: „Die Nachbarstaaten Syriens benötigen und verdienen mehr Solidarität von Europa.“

Deutschland hat insgesamt die Aufnahme von 20.000 syrischen Flüchtlingen beschlossen, hinzu kommen eigene Programme der Bundesländer. Das ist nach Ansicht des Migrationsexperten Dieter Oberndörfer zu wenig. „Die bisherige Hilfe der EU-Staaten für Flüchtlinge aus Syrien ist im Gegensatz zu der im Bürgerkrieg Jugoslawiens gewährten Hilfe ziemlich jämmerlich“, sagt er. Nach Meinung von Oberndörfer solle Deutschland von der EU die Anwendung der Richtlinie Massenflucht fordern. Diese Richtlinie würde es erlauben, vorübergehend eine große Zahl Flüchtlinge aufzunehmen. Oberndörfer bezeichnet es als „unerhörlich“, dass Politiker behaupten es gebe keine Massenflucht,  denn an den EU-Außengrenzen würden Flüchtlinge mit immensem Aufwand davon abgehalten nach Europa zu gelangen.

Von all´den Debatten bekommen Nahed und ihre Familie nichts mit. Sie sind auf sich alleine gestellt. Es ist nur eine Frage der Zeit, dann müssen sie die Ruine verlassen. Weder Nahed noch Fatima wollen so richtig an die Zukunft denken. Wenn es so weit ist, dann wird Nahed ins nächste Krankenhaus gehen und ihr Baby auf die Welt bringen. Papiere wird ihr Kind dann nicht haben, aber Nahed hofft, dass es irgendwann mal eine Schule besuchen darf.

Der Text erschien gekürzt  in der Wochenzeitung der Freitag.

Foto: Syrische Flüchtlinge in Istanbul © Jodi Hilton, 2014

Last modified: 26/02/2018