In Soma schwindet die Hoffnung

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"Vergiss`Soma nicht." - Schrift auf Fähre in Istanbul

Das Förderband bringt nur noch Leichen zutage – kaum einer rechnet in Soma noch mit Überlebenden. Zu Trauer und Frust kommt auch noch der Ärger über Premier Erdoğan hinzu. 

Eine unheimliche Ruhe liegt über dem Kohlebergwerk in Soma, wenn das Förderband nicht gerade in die Tiefe surrt, wo noch immer mindestens 120 türkische Bergarbeiter eingeschlossen sind. Noch immer brennt dort unten das von einer Explosion ausgelöste Feuer, giftige Gase füllen die Stollen. In den vergangenen zwölf Stunden kam kein Bergmann mehr lebend an die Oberfläche. Die Rettungsteams bargen nur noch Leichen. “Die Bedingungen sind sehr schwierig”, sagt Feuerwehrmann Murat Ari. “Ich habe so was noch nie erlebt. Ich glaube nicht, dass wir noch jemanden lebend herausholen können.”

Es ist das folgenschwerste Grubenunglück in der Geschichte der Türkei. Die Explosion hatte die Stromversorgung gekappt, Förderbänder blieben stecken, die Lüftung stoppte. 282 Todesopfer zählten die Rettungsteams bisher. Die meisten Kumpel starben am Kohlenmonoxid, das giftig, aber unsichtbar und geruchlos durch die Stollen wabert. Dass nur 120 Menschen in der Tiefe eingeschlossen sind, hält Feuerwehrmann Ari für unrealistisch. Es könnten noch Hunderte sein, sagte er. Und die seien wahrscheinlich schon alle tot. “Eigentlich ist es Aufgabe der Politiker, den Angehörigen zu sagen, dass es keine Hoffnung mehr gibt.”

Die Stadt Soma liegt rund 120 Kilometer nördlich der Hafenstadt Izmir, die Grube zwischen den Städten Soma und Bergama. Die Zufahrt ist flankiert von Hunderten Krankenwagen und Lastern. Organisationen aus der ganzen Türkei rückten mit Helfertrupps und Ausrüstung an – der Rote Halbmond etwa und die Katastrophenschutzbehörde, aber auch Polizisten aus Istanbul, Izmir und Ankara. Soldaten sichern das Gelände.

Die Verletzten sind auf Krankenhäuser in der ganzen Gegend verteilt. Jemand hat Listen mit 141 Namen mit Altersangaben an einen Lastwagen gepinnt. Der jüngste Arbeiter ist gerade mal 20 Jahre alt.

Die Luft ist geschwängert vom Geruch der Kohle. “Die Menschen leben hier vom Bergbau”, sagt Feuerwehrmann Ari. Den meisten bleibt keine Alternative, als in die mangelhaft gesicherten Gruben einzufahren. “Selbst wenn die Arbeitsbedingungen schlecht sind, was sollen sie sonst arbeiten?” Ari hat einen Aufkleber an seine Uniform geheftet. “Kein Unfall, sondern Mord”, steht darauf. Er wolle zeigen, dass er auf der Seite der Arbeiter stehe, sagt er.

Die Arbeitsbedingungen sind immer wieder Thema in dieser Nacht. Vor dem Schacht wartet eine Gruppe Bergleute. Einer von ihnen hatte früher hier  gearbeitet. “Wir haben Freunde dort unten”, sagt er. Die Arbeitsbedingungen würden immer schlechter. “Es geht nur darum möglichst viel zu produzieren. Der Mensch bleibt dabei auf der Strecke.”

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Erdoğans unpassender Vergleich

Ein anderer Arbeiter erzählt, er sei mit seiner ganzen Firma angereist. Er selbst komme aus einer Goldmine, doch auch dort sei der Druck groß. Seine Berufskollegen im Kohlebergbau verrichteten die härteste Arbeit. Und die mangelnde Arbeitssicherheit sei ein Problem in der gesamten Türkei.

Die Männer haben auch Ministerpräsident Tayyip Erdoğan zugehört, als er im Fernsehen über das Unglück sprach. Eine “gewöhnliche Sache”, sei das, hatte er gesagt und die Katastrophe mit Minenunglücken in England und den USA aus dem 19. und 20. Jahrhundert verglichen, die “trotz all der Technologie” passiert seien. Empört drängten daraufhin Tausende Türken auf die Straßen der großen Städte Istanbul und Ankara, es gab Angriffe auf die Polizei, die mit Wasserwerfern und Tränengas antwortete.

“Schlechter hätte es der Ministerpräsident nicht formulieren können”, sagt der Arbeiter aus der Goldmine. “Wir wissen ja noch nicht mal genau, was die Ursache für den Unfall war. In jedem anderen Land wäre der Ministerpräsident zurückgetreten.”

Hunderte sind angereist, um sich nützlich zu machen. Sie schmieren Brötchen, räumen Wege frei oder sind einfach nur da, um sich solidarisch zu zeigen.

Gerade ist die Bergung unterbrochen. In einem Gebäude, in dem die Grubenarbeiter ihre Pausen verbrachten, schlafen Polizisten, Arbeiter und Soldaten auf Bänken und Stühlen. Viele waren mehr als 20 Stunden im Einsatz. Mahmut Taşar ist auch dort. Der Student kam mit fast 30 Freunden aus der nahen Stadt Izmir hierher. Er trägt ein weißes Hemd, wie es Bergarbeiter überziehen, wenn sie unter Tage gehen, Arbeitshose -und Schuhe, einen Helm – alles geliehen aus dem Bestand der Grube. “Wenn die Bergung weitergeht, gehe ich runter”, sagt er. Doch er muss warten, bis er sich mit seinen Freunden nützlich machen kann.

Die Polizei akzeptiert keine Kritik

Sie stehen an der Umkleidekabine und diskutieren über einen Parlamentsantrag, den die Oppositionspartei CHP Ende April gestellt hatte. Sie verlangte, das Bergwerk Soma sicherheitstechnisch zu überprüfen, doch die Regierungspartei AKP lehnte ab. “Hier stimmt doch was nicht”, ruft ein Student in die Runde.

Sie sprechen über die Demonstrationen in Istanbul und Ankara, das Tränengas, die Polizei, die die Protestierer auseinandertrieb. “Dieselbe Polizei schützt den Ministerpräsidenten, wenn er hier an der Grube auftaucht”, sagt einer. Ein Polizist des Einsatzkommandos hört das und stürmt auf die Studenten zu: “Hört sofort auf hier diese Show abzuziehen”, ruft er. Ein Tumult bricht aus. Arbeiter und Soldaten ziehen die Streitenden auseinander. Student Taşar sagt: “Es ist wie immer. Sie akzeptieren keine Kritik.”

Last modified: 28/02/2018