“Letzte Festung von Gezi”: türkische Fußballfans vor Gericht

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Fußball-Fans von Besiktas Istanbul spielten bei den Gezi-Protesten 2013 eine zentrale Rolle. Die Ultra-Gruppe «Carsi» erreichte in der Türkei Kultstatus. Nun stehen ihre Mitglieder vor Gericht. Der Vorwurf: Bildung einer terroristischen Vereinigung.

Dezember 2014, dpa
Der Aufruhr im Sommer 2013 Rund um den Gezi-Park in Istanbul begleitet Ayhan Güner noch heute. Er und seine Ultra-Fangruppe «Carsi» vom Fußball-Erstligisten Besiktas Istanbul waren mittendrin, als die Menschen mit ihren Protesten die autoritäre Regierung des damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Staatschefs Recep Tayyip Erdoğan herausforderten. «Ich bin morgens aufgewacht, und da waren Hunderttausende Menschen vor meiner Haustür», erzählt der 42-Jährige.

Nun schlägt die Staatsmacht zurück. Am Dienstag beginnt der Prozess gegen Güner und 34 seiner Freunde – allesamt Mitglieder von «Carsi». Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen die Bildung einer terroristischen Vereinigung vor und einen geplanten Sturz der islamisch-konservativen AKP-Regierung. Nach Meinung der Verteidigung ist es ein politischer Prozess, der nichts mit Rechtsstaatlichkeit zu tun hat. Bei einer Verurteilung droht Güner und seinen Freunden – alles Männer um die 40 – lebenslange Haft.

Güner ist in seinem Viertel eine bekannte Größe. In Besiktas grüßt er die Händler an der Straße, erntet hin und wieder ein aufmunterndes Nicken von einem Jugendlichen mit weiß-schwarzem Fanschal.

Die Polizei habe damals in Besiktas so viel Gas verschossen, dass die Vögel von den Bäumen gefallen seien, erzählt Güner. Die Ultras kannten sich im Viertel aus. Sie lotsten Demonstranten durch die Straßen, zeigten ihnen, wie man sich vor Tränengas schützt und Verletzte versorgt. «Wir haben die Menschen geschützt, und nun werden wir als Terroristen dargestellt», sagt Güner.

Güner ist ein eher schüchtern wirkender Mann mit grauen Haaren und braunen Augen. Er wirkt gelassen. Nur wenn er von den toten Vögeln spricht, ziehen sich seine Augenbrauen zusammen. Mit einem Freund betreibt er in Besiktas einen Teegarten. Er ist in dem Viertel aufgewachsen – und mit «Carsi». Die jungen Fans nennen ihn respektvoll «abi» – «großer Bruder».

Vor den Gezi-Protesten waren die Besiktas-Fans vor allem für ihre Lautstärke bekannt. Im Sommer 2013 hoben ihre Gesänge die Moral der Aktivisten rund um den Gezi-Park. Mehr als einmal ging ein erleichtertes Raunen durch die Reihen der Demonstranten, wenn die «Carsi»-Gruppe im Anmarsch war. Sogar die Konkurrenz-Fanclubs der beiden großen Istanbuler Vereine Fenerbahce und Galatasaray hatten sich bei den Protesten um den Gezi-Park und auf dem nahe gelegenen zentralen Taksim-Platz mit den Besiktas-Ultras vereint.

Wie Heldensagen erzählen sich die politischen Aktivisten von damals noch heute die Aktionen von «Carsi»: Die Ultras hätten einen Bagger geklaut und damit einen Wasserwerfer der Polizei in die Flucht geschlagen. Solche Aktionen waren wichtig für den Zusammenhalt. Der Fanclub «Carsi» hat dadurch in der Türkei einen Kult- und Heldenstatus erreicht.

Die Unterstützung für «Carsi» ist auch in Deutschland groß. Fans von Borussia Dortmund hielten im September beim Bundesligaspiel gegen den SC Freiburg Poster auf Türkisch hoch mit der Aufschrift: «Carsi Ultras, kämpft für euren Weg». In Berlin demonstrierten am Wochenende Besiktas-Fans für die Istanbuler. Darauf ist Güner stolz. Die Ultras stünden auch mit den Anhängern des Zweitligisten FC St. Pauli in Kontakt – dem Fanclub in Deutschland dem «Carsi» wohl am ähnlichsten ist.

Für Güners Anwalt Nazif Koray ist das Ziel der Anklage klar: «Der Prozess dient dazu, Kritiker zum Schweigen zu bringen», sagt er. Damit werde «die letzte Festung von Gezi» eingenommen. Die Anklageschrift sei «haltlos und schlicht und einfach Quatsch».

«Keiner der Angeklagten ist während einer Demonstration festgenommen worden. Es existieren auch keine Videoaufnahmen, die irgendetwas beweisen würden», sagt Koray. Noch nicht einmal die Identität derer, die den Bagger geklaut haben, sei bekannt.

Güner sagt, die Ultras seien eigentlich nicht politisch. Der Fanclub sei engagiert, das sei alles. «Carsi her seye karsi» – «Carsi ist gegen alles» sei das Motto. Der Fanclub setzt sich seit den 80ern gegen Ungerechtigkeit ein. Sei gegen Umweltzerstörung, sammele Geld für Bedürftige und kämpfe gegen Rassismus vor allem im Fußball. In der Türkei könne man mit Fußball die Menschen am besten erreichen, sagte Güner. «Wir sind gegen Autorität und immer da, wenn Menschen unterdrückt werden.»

Veröffentlicht durch die Deutsche Presse Agentur, dpa. Abrufbar unter anderem auf Neues Deutschland.

Foto: Atatürk Kulturzentrum auf dem Taksim Platz in  Istanbul 2013, Holly Pickett

15. Dezember 2014
Mirjam Schmitt, dpa

Last modified: 28/02/2018