Lebenslang für Attentat auf Deutsche

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Drei Männer müssen für einen Anschlag auf  deutsche Touristen lebenslang hinter Gitter. Doch es bleiben Fragen offen. Januar/Februar 2018, dpa
Die vier Männer im Zeugenstand schauen zwischen Übersetzerin und Richter hin und her. Es dauert etwas, bis ihnen vor dem Gericht in Istanbul klar wird, dass sie gerade schuldig gesprochen wurden für die Unterstützung einer der schwersten Terroranschläge auf Deutsche im Ausland. Der Richter muss das Urteil am Mittwoch sogar wiederholen. Dann werden die drei Syrer und ein Iraker von den sie umringenden Polizisten abgeführt.

Die drei Syrer, so das Gericht, sind unter anderem verantwortlich für die Tötung von zwölf Menschen «mit dem Ziel des Terrors». Sie haben demnach maßgeblich bei der Vorbereitung des Attentats mitgeholfen. Das Gericht verurteilte sie dafür zu lebenslanger Haft. Der Iraker wurde wegen Mitgliedschaft in der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Die muss er jedoch erstmal nicht antreten, weil er seit rund zwei Jahren in Untersuchungshaft sitzt. Das Gericht entließ ihn daher zunächst, belegte ihn aber mit einer Ausreisesperre. 18 weitere Angeklagte wurden freigesprochen und das Verfahren von vier weiteren abgetrennt. Diese vier Angeklagten sind flüchtig und konnten daher noch nicht vernommen werden.

Der zweite Jahrestag des verheerenden Anschlags im Istanbuler Altstadtviertel Sultanahmet ist noch keine drei Wochen her. Am 12. Januar 2016 hatte sich ein Selbstmordattentäter inmitten einer deutschen Reisegruppe in die Luft gesprengt, zwölf Menschen getötet und 16 verletzt. Die Behörden identifizierten den Attentäter später als den 1988 in Saudi-Arabien geborenen Syrer Nabil Fadli und machten den IS für den Anschlag verantwortlich, der sich jedoch nie dazu bekannte.

Der Anschlag war eine Zäsur. Danach fühlten sich viele Touristen verunsichert und mieden die sonst so beliebte Metropole Istanbul. In der Türkei waren in der Vergangenheit eine Reihe schwerer Anschläge verübt worden. Zuletzt in der Silvesternacht 2016 auf den Club Reina mit zahlreichen Toten. Auch dafür machten die türkischen Behörden den IS verantwortlich. Zu dem Reina-Attentat hatte sich der IS jedoch bekannt.

Mit dem Richterspruch ist der Fall Sultanahmet, auch wenn das Urteil noch nicht rechtskräftig ist, vorerst abgeschlossen. Den Verwandten der Reisegruppe kann dieses Urteil jedoch nur wenig Trost spenden. André Franke, der seine Mutter bei dem Anschlag verloren hatte und in Sachsen lebt, sagte der Deutschen Presse-Agentur am Telefon, das Urteil sei «schon eine Erleichterung» und er hoffe, dass der Richterspruch auch zur Abschreckung diene. Die türkischen Behörden müssten jedoch an dem Fall dran bleiben, um auch die Flüchtigen zu fassen. Enttäuscht sei er von den deutschen Behörden, die die Angehörigen «überhaupt nicht» über den Verlauf des Prozesses informiert hätten.

Zur Aufklärung der Hintergründe des Attentats hat der Gerichtsprozess nur teilweise beigetragen. Neben den vier flüchtigen Angeklagten ist laut Gerichtsunterlagen auch der mutmaßliche Auftraggeber des Attentats noch gar nicht gefasst: Ein IS-Mitglied mit dem Code-Namen Omar-Ebu Abid, der im Irak vermutet wird und für die Auslandsaktivitäten des IS verantwortlich sein soll. Oder ein Unterstützer mit dem Namen Omran, in dessen Begleitung der Attentäter rund einen Monat vor dem Anschlag illegal aus Syrien in die Türkei gelangt sein soll.

Halil D., einer der Syrer, der nun zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, hat den Attentäter und den unbekannten Begleiter Omran laut Unterlagen in der türkischen Grenzregion in Empfang genommen. Außerdem sah es das Gericht als erwiesen an, dass Halil D. die Tasche mit der Bombe in Empfang genommen hatte. Unter anderem durch die Mithilfe der anderen nun Verurteilten gelangte die Bombe dann getrennt vom Attentäter nach Istanbul.

Die Verurteilten – zwischen 26 und 29 Jahre alt – hatten bis zuletzt auf unschuldig plädiert. Sie gaben während des Verfahrens an, lediglich gewöhnliche Schmuggler zu sein, die nichts von den Attentatsplänen gewusst hatten. Das Gericht nahm ihnen das nicht ab.

Veröffentlicht durch die Deutsche Presse Agentur, dpa. Abrufbar u.a. im Mannheimer Morgen.
Foto: Peter Kneffel / dpa / Touristen legen zwei Tage nach einem Bombenanschlag im Istanbuler Altstadtviertel Sultanahmet Nelken nieder.

Januar 2018
Mirjam Schmitt, dpa
Mitarbeit: Linda Say

Last modified: 06/09/2018